James Gandolfini

Der Mann mit dem seltsamen Nachnamen ist gestern in Rom gestorben. Mit 51 Jahren. Wer mich kennt, weiß das ich keinen Starkult mag, genau so wenig wie Soaps und öde Serien die man sich per TV in die Wohnung holen kann. Da gibt es ja allerhand Zeugs, das einem zum Gähnen überredet.
Aber es gibt für mich eine Ausnahme. Zugegeben „Twin Peaks“ war schon ein tolles Ding damals die Urmutter aller Mysteryserien für mich. Ohne jemals mystisch zu sein. Danach hätte es dann gereicht. Leider war dem nicht so.
Aber vor vielen Jahren, irgendwann am späten Abend, zappte ich durch die Programme. Das ist eher selten bei mir aber kommt vor. Da sah ich einen Mann der mit Stockenten im Pool stand. Zigarre im Mund und der Bademantel schwamm um ihn wie ein Schleier. Später erzählte er das alles im schicken Kashmiranzug und angedeuteten Budapester Schuhen seiner Therapeutin. Dann Szenewechsel und ein Mann mit Krücken wurde von einer Brücke geworfen und dann wieder Männer vor einer Salamimanufaktur an rot karierten Tischdecken. Gar nicht wie Amerika eher wie in Siena.
Ich verlor das wie immer aus den Augen, wusste aber noch, dass es „Sopranos“ hieß aber zu völlig blöder Uhr- und Tageszeit lief und ich nicht so auf Kommando TV schauen kann.
Nie vergaß ich diese spaßige und doch tiefgründige Folge. Die Ängste dieses Mannes. Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Wie wir alle es tun. Aber er ist eben bei der Mafia, da muss man schon einen gewaltigen Spagat machen, der einem dann ganz sicher an die mentale Grenze bringt.

Vor drei Jahren sah ich die erste Staffel dieser Serie auf dem Flohmarkt und kaufte sie für zehn Euro. Längst waren meine Bilder im Kopf schon blass geworden. Es traf mich wie ein Blitz. Ein Universum tat sich in mir auf. Figuren, Szenen, Handlungen, Hintergründliches und manchmal auch Dinge in denen ich mich selbst sah und manchmal entdeckte.
Alles ist irgendwie italienisch, jede Person in der Filmcrew trägt einen Vokal am Ende seines Namens. Amerikaner in den USA, die sich als Minderheit fühlen und viele eben diesen Heimatgedanken verlieren. Aber eben nicht Tony Soprano (glaubt er) und seine Leute auch wenn die Tendenzen da sind. Alles wird auf die alte Heimat angelegt und glorifiziert.
Ich kaufte darauf die komplette „Mafia Box“ mit allen 86(?) Folgen. Mittlerweile schauen ich und Fr. Dorfdisko diese Box zum zweiten Mal. Die Details mehren sich erneut. Es ist oft auch unaufgeregt und alltäglich oder schlicht witzig. Aber niemals kommen Polizisten, die Mordfälle mit dem Computer lösen, Aliens oder Elfen. Es sind auch keine Zeitlupenblutspritzgewaltverherrlichungen dabei. Es ist nur hartes Geschäft und üble Methoden. Ein zwei Folgen die nur aus Fieberträumen bestehen sind dabei aber selbst die sind therapeutisch für Tony.
Der rote Faden von Sopranos ist nicht nur sein Burn Out Syndrom sondern auch das italienische Essen. Ständig geht T. an den Kühlschrank und angelt Lammkotelett, Salami, Lasagane, einen Berg Canolli und Pecorino heraus. Jedesmal bekomme ich/wir Hunger beim Schauen und Salami, Käse und Oliven runden den DVD Abend ab.

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Quelle : James Gandolfini Online

Tony Soprano ist ein sexy Typ. Einer, dem man folgt, weil er es kann und jeden um den Finger wickelt. Charmant und streng. Sein Job, in dem er quasi der Manager ist frisst ihn auf. Betrügt seine Frau, ungerecht zu den Kindern, launisch zu seinen „Soldaten“. Aber er ist kein Held, er ist maximal ein Antiheld. Aber oft auch ein Arschloch, ein Drecksack und auch ein Lügner. Ein Aufstachler und Provokateur.  Eben ein echtes Vaffanculo. Das ist es was ihn für mich sympathisch macht. Ich finde Helden völlig blöde.

Die Umsetzung der Rolle, da fehlen mir die Worte. Wenn Tony’s Augen nur halb geöffnet sind, da geht es gleich rund, wenn er das Kinn vorreckt und mit den Fingern zeigt, dann sollte man in Deckung gehen, könnte sein das man gleich darauf blutet. Und wenn er lustlos in seinen Farfalle stochert, dann ist er einfach nur Ehemann und Familienvater und ein Job der ihn ankotzt. Auf die anderen Schauspieler kann ich jetzt leider nicht eingehen, das sprengt wirklich den Rahmen. Seine Frau, seine Kinder, seine Truppe. Alle sind sie mir ans Herz gewachsen. Es sitzt jede Figur und viele kleine Italo-Gesten erinnern mich auch an meine Kindheit, als es Gastarbeiter in meinem Viertel gab und italienisch sehr häufig gehört und erlebt wurde. Die italienische Nachbarin brachte meiner Mama damals teilweise das Kochen bei. Glück gehabt 🙂
Ich könnte ja ewig davon schwärmen und kenne Gandolfini nur aus „Sopranos“ aber ich glaube in diesem Werk leuchtet er am Hellsten. Es ist nicht dieses „Pate“ Gedöns, da macht man sich auch innerhalb Sopranos gerne mal lustig. All dieses Verherrlichende ist verschwunden und das wird klar gezeigt. Es ist ein hässliches Wirtschaftsunternehmen. Punkt.

Nachtrag: Ich muss auf den Kulturteil der WELT verlinken. Ich will es kaum glauben aber das entspricht genau meiner Meinung. Das ist neu.

Der Fernseh-Erlöser mit Goldkettchen …In Überlebensgröße machte sich James Gandolfini auf dem Bildschirm breit: Als Mafia-Boss Tony Soprano veränderte er das Fernsehen. Nun ist der große Schauspieler mit nur 51 Jahren gestorben……Fast alle Serien, die danach kamen, maßen sich an David Chase‘ Art zu schreiben, an der Weise, wie die Erzählung auf verschlungenen Wegen verläuft, wie Komik und Gewalt miteinander funktionieren, wie die Episoden enden. Dafür gab es Preise und Lobpreisungen, James Gandolfini saß auf Fotos mit den Darsteller am Tisch wie Jesus beim letzten Abendmahl. Der Erlöser in Bademantel mit Goldkettchen.

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Ein Kommentar

  1. Chris · Juni 20, 2013

    Wow! Was für ein toller Nachruf! Update ich meinen Artikel gleich mal mit! 😉

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